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Markenbildung im KI-Zeitalter: Haltung schlägt Hochglanz

Veröffentlicht am4 Min. Lesezeit
Torsten Schiefen betrachtet eine Moodboard-Wand in einem hellen Brand-Studio

Als ich 2017 im Phantasialand anfing, dachte ich, ich wüsste, was Markenführung ist. Immerhin hatte ich davor fast sieben Jahre bei der Mediengruppe RTL mehr als 100 Profile mit über 20 Millionen Fans verantwortet. Dann sass ich in Brühl in meinem ersten Abstimmungstermin und lernte: Hier wird über die Position eines Logos länger diskutiert als anderswo über ganze Kampagnen.

Damals fand ich das gelegentlich anstrengend. Heute, wo ich als AI Consultant täglich sehe, wie schnell Maschinen Hochglanz-Content produzieren, weiss ich: Genau diese Detailversessenheit ist das, was Marken im KI-Zeitalter rettet. Denn wenn jeder in Sekunden schöne Bilder und flüssige Texte erzeugen kann, ist Schönheit kein Unterscheidungsmerkmal mehr. Haltung schon.

Hochglanz ist jetzt Massenware

Machen wir uns nichts vor: Die Eintrittshürde für gut aussehenden Content liegt praktisch bei null. Ein Prompt, dreissig Sekunden, fertig ist das Kampagnenvisual. Texte, Bilder, Videos, sogar Musik. Ich veröffentliche selbst als DerSchiefen KI-produzierte Songs und weiss deshalb aus erster Hand, wie gut diese Werkzeuge geworden sind.

Die Folge ist ein Paradox. Je einfacher Perfektion wird, desto weniger ist sie wert. Wenn alle Feeds voll sind mit makellosen Visuals und geschliffenen Texten, gewinnt nicht mehr, wer am schönsten produziert. Es gewinnt, wer erkennbar bleibt. Und Erkennbarkeit entsteht nicht im Werkzeug, sondern in den Entscheidungen davor.

Als ich als Praktikant im Community Management von GZSZ.de anfing, war allein die Tatsache, dass ein Unternehmen professionell auf Facebook stattfand, ein Unterschied. Daraus wurden fast sieben Jahre RTL und die Rolle des ersten offiziellen Social-Media-Managers Deutschlands. Der Punkt ist: Damals lag der Vorsprung im Können. Heute liegt er im Charakter.

Was ich im Phantasialand über Konsistenz gelernt habe

Das Phantasialand empfängt rund zwei Millionen Besucher im Jahr und lebt von einem Versprechen: Themenwelten, die bis ins letzte Detail stimmen. Als Manager Digitale Kommunikation habe ich dort von 2017 bis 2019 erlebt, wie ernst dieses Versprechen genommen wird. Kein Motiv ging raus, das nicht zu der Welt passte, aus der es stammte.

Das hiess auch: oft Nein sagen. Nein zu Trends, die gerade jeder mitnahm. Nein zu Formaten, die Reichweite versprachen, aber nicht zur Marke passten. Diese Disziplin hat mich geprägt. Eine Marke ist kein Logo und kein Farbcode. Sie ist ein Filter, durch den jede einzelne Veröffentlichung muss. Und dieser Filter wird umso wichtiger, je mehr Content Sie produzieren können.

Was im KI-Zeitalter wirklich differenziert

Wenn Produktion praktisch nichts mehr kostet, verschiebt sich der Wettbewerb auf die Dinge, die keine Maschine für Sie erledigen kann. Aus meiner Erfahrung, von den RTL-Jahren über das Phantasialand bis zu den KI-Projekten von heute, sind es vor allem diese fünf Punkte:

  • Haltung: eine klare Position, die auch dann steht, wenn der Trend gerade in die andere Richtung zeigt.
  • Konsistenz: derselbe Ton und dieselben Werte, auf jedem Kanal, an jedem Tag, von jedem Absender.
  • Wiedererkennbarkeit: Ihr Content sollte auch ohne Logo als Ihrer erkennbar sein.
  • Verlässlichkeit: Versprechen halten, im Produkt genauso wie in der Kommunikation.
  • Echte Nähe: zuhören, antworten, die Community ernst nehmen. Das war schon in meinen GZSZ-Tagen der Kern guter Arbeit und ist es bis heute.

KI verstärkt, was da ist. Auch das Beliebige.

Heute baue ich bei der BE BRAVE AG und mit ORION AI KI-Systeme, die produktiv laufen: Chat-Plattformen, Live-Übersetzung für Streams in Englisch, Französisch und Italienisch, Voice-Agents am Telefon, Content-Automatisierung. Über 30 Produkte sind live. Und in jedem einzelnen Projekt zeigt sich dasselbe Muster: KI ist ein Verstärker. Sie macht aus einer klaren Marke mehr klare Marke. Und aus Beliebigkeit mehr Beliebigkeit.

Wer ohne definierte Tonalität automatisiert, bekommt austauschbaren Durchschnitt in hoher Frequenz. Wer dagegen seinen Markenkern sauber beschrieben hat, kann ihn in jedes System einspeisen: in den Chat-Assistenten, in die Textautomatisierung, in den Voice-Agent, der am Telefon im richtigen Ton antwortet. Dann skaliert die Maschine nicht irgendeinen Content, sondern Ihren.

So bringen Sie Ihre Marke in die Maschine

Der praktische Weg ist unspektakulärer, als viele denken. Schreiben Sie Ihren Markenkern auf, so konkret, dass eine Maschine damit arbeiten kann: Werte, Tonalität, Wörter, die Sie nie benutzen, Themen, zu denen Sie eine Meinung haben. Was im Phantasialand die Themenwelt war, ist in Ihrem KI-Workflow das Briefing-Dokument, das in jedem Prompt mitläuft.

Und dann: Behalten Sie die letzte Instanz beim Menschen. Bei uns geht nichts Markenkritisches automatisiert raus, ohne dass jemand draufgeschaut hat. Nicht aus Misstrauen gegenüber der Technik, sondern weil Haltung eine menschliche Entscheidung bleibt. Die Maschine liefert Tempo und Menge. Die Richtung liefern Sie.

Mein Fazit: Erst die Marke, dann das Werkzeug

Ich habe den ersten professionellen Facebook-Livestream eines Klitschko-Boxkampfs mit umgesetzt, damals mit Vidpresso, als Livestreaming noch Neuland war. Die Technik von damals ist längst Standard. Geblieben ist, was auch diesmal bleiben wird: Marken, die wissen, wer sie sind, überstehen jeden Technologiewechsel. Die anderen gehen im Rauschen unter, nur schneller als früher.

Meine Einladung darum: Bevor Sie das nächste KI-Tool einführen, beantworten Sie eine Frage. Woran würde man Ihren Content erkennen, wenn Logo und Absender fehlen? Wenn Sie darauf keine klare Antwort haben, lassen Sie uns genau darüber sprechen. Das ist die Arbeit, die vor jeder Automatisierung kommt. Und sie lohnt sich.

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