Personal Branding mit KI: sichtbar werden, ohne sich zu verlieren

2010 sass ich als Praktikant im Community Management von GZSZ.de und habe Fan-Kommentare zu einer Daily Soap beantwortet. Kein Karriereplan, keine Strategie-Folien, kein Gedanke an eine persönliche Marke. Daraus wurden fast sieben Jahre Mediengruppe RTL und irgendwann ein Titel, den es vorher nicht gab: Deutschlands erster offizieller Social-Media-Manager. Diesen Titel hat mir niemand versprochen. Er ist entstanden, weil ich Arbeit sichtbar gemacht habe, die vorher niemand so benannt hatte.
Heute berate ich als AI Consultant bei der BE BRAVE AG Unternehmen zu souveräner Schweizer KI-Infrastruktur und baue als Co-Founder von ORION AI eigene Produkte. Und ich sehe jede Woche Feeds voller Beiträge, die alle gleich klingen: sauber strukturiert, drei Hashtags, null Persönlichkeit. KI macht Content billig. Genau deshalb wird das wertvoller, was KI nicht liefern kann: eine echte Position, echte Geschichten und ein erkennbarer Mensch dahinter.
Sichtbarkeit ist billig geworden, Vertrauen nicht
Bei RTL habe ich mit meinem Team über 100 Profile mit mehr als 20 Millionen Fans verantwortet. Damals war die knappe Ressource die Reichweite: Wer senden konnte, hatte gewonnen. Heute produziert jede Einzelperson mit KI in einer Stunde mehr Content, als früher eine ganze Redaktion in einer Woche geschafft hat. Die knappe Ressource ist nicht mehr der Beitrag. Es ist der Grund, ausgerechnet Ihnen zuzuhören.
Menschen folgen Menschen, nicht Textbausteinen. Wenn Ihr Profil klingt wie die Zusammenfassung eines Sprachmodells, bauen Sie keine Beziehung auf, sondern Rauschen. Personal Branding mit KI heisst deshalb nicht, einfach mehr zu posten. Es heisst, das Handwerk an die Maschine zu geben und selbst mehr Zeit in Substanz zu stecken: in klare Haltung, gelebte Beispiele und Aussagen, hinter denen Sie auch in einem Kundengespräch noch stehen.
Zwischen 2017 und 2019 habe ich das im Phantasialand von einer ganz anderen Seite gesehen, einem Freizeitpark mit rund zwei Millionen Besuchern im Jahr. Menschen planen dort einen Tag mit der Familie, keinen Impulskauf. Was zählte, war Vertrauen: Die Bilder mussten dem echten Besuch standhalten. Übertragen auf Ihre persönliche Marke heisst das: Jeder Beitrag ist ein kleines Versprechen. KI hilft Ihnen, mehr Versprechen zu formulieren. Einlösen müssen Sie sie selbst.
Was Sie guten Gewissens an die KI abgeben können
Ich habe inzwischen über 30 KI- und Digital-Produkte produktiv im Einsatz, von Voice-Agents am Telefon bis zur Live-Übersetzung von Streams in mehrere Sprachen. Für die eigene Sichtbarkeit nutze ich KI jeden Tag, aber immer für das Handwerk, nie für den Kern. Konkret können Sie abgeben:
Ehrlich gerechnet spart mir das den grössten Teil der Produktionszeit. Ich veröffentliche unter dem Namen DerSchiefen sogar komplett KI-produzierte Musik, das Handwerk kommt also nachweislich aus der Maschine. Aber ob sich jemand dafür interessiert, entscheidet die Geschichte drumherum. Übrig bleibt darum immer der Teil, der zählt: zu entscheiden, wofür ich stehe und was ich dazu wirklich sagen will.
- Rohmaterial strukturieren: Aus einem Sprachmemo auf dem Heimweg wird ein sauberer Textentwurf.
- Formate ableiten: Aus einem Vortrag entstehen Posts, ein Newsletter-Abschnitt und Ideen für Kurzvideos.
- Schnitt und Untertitel: Videoschnitt, Captions und Übersetzungen laufen weitgehend automatisiert.
- Recherche und Aufhänger: Branchenfragen, Trends und passende Beispiele als Startpunkt, nie als Endprodukt.
- Planung und Zweitverwertung: Redaktionsplan pflegen und alte Inhalte in neue Formate übersetzen.
Drei Dinge, die Sie nicht delegieren dürfen
Erstens die Positionierung: wofür Sie stehen, für wen und warum ausgerechnet Sie. Das ist eine unternehmerische Entscheidung, keine Textaufgabe. Zweitens Ihre Geschichten: Eine KI kann Anekdoten glätten, aber sie kann nichts erleben. Drittens Ihre Meinung: Ein Sprachmodell hat keine, es mittelt über alles, was je geschrieben wurde. Und wer nur den Durchschnitt veröffentlicht, ist beliebig austauschbar.
Ein Beispiel aus meiner Zeit bei RTL: Als wir mit Vidpresso den ersten professionellen Facebook-Livestream eines Klitschko-Boxkampfs realisiert haben, war das Werkzeug brandneu. Die Entscheidung dahinter war trotzdem zutiefst menschlich: Wir glaubten, dass Live das nächste grosse Ding wird, und wollten es vor allen anderen beweisen. Sichtbar gemacht hat mich diese Haltung, nicht die Software. Werkzeuge veralten, Haltung bleibt.
Meine Quereinsteiger-Story als Rohmaterial
Wenn ich als Gastdozent an der FH Kufstein vor Studierenden stehe oder auf der AllFacebook Marketing Conference spreche, erzähle ich selten von Frameworks. Ich erzähle vom Praktikanten, der Fan-Kommentare beantwortet hat. Vom Freizeitpark, dessen digitale Kommunikation ich verantwortet habe. Von der 360-Grad-Agentur in Köln, die ich als CEO geführt habe. Und vom Schweizer Livestreaming-Scale-up, bei dem ich als CDO Grossproduktionen und ein App-Produkt begleitet habe.
Der rote Faden dieser Stationen war nie ein Karriereplan. Der rote Faden ist: Ich war immer dort, wo ein neues Medium noch keine Regeln hatte, und habe die Regeln beim Machen aufgeschrieben. Erst Social Media, dann Livestreaming, jetzt KI. Das ist meine Positionierung. Keine KI hätte sie für mich erfinden können, denn sie steckte schon in meinem Lebenslauf. Ich musste sie nur freilegen und den Mut haben, sie konsequent zu erzählen.
Genau da hilft KI dann wieder, aber anders, als viele denken. Ich habe einem Modell meinen kompletten Werdegang gegeben und gefragt: Welche Muster siehst du, welche Geschichten fehlen? Die Antworten waren Rohmaterial, nicht Wahrheit. Aussortiert, zugespitzt und mit eigenen Erinnerungen gefüllt habe ich selbst. KI als Spiegel funktioniert hervorragend. KI als Autor Ihrer Biografie funktioniert nicht.
Fazit: Lassen Sie die Maschine tippen, nicht sprechen
Mein Rat nach anderthalb Jahrzehnten Sichtbarkeitsarbeit: Behandeln Sie KI wie das beste Produktionsteam, das Sie je hatten. Schreiben Sie Ihre Positionierung selbst auf, in drei ehrlichen Sätzen ohne Fachbegriffe. Sammeln Sie zehn Geschichten aus Ihrem eigenen Werdegang, auch die krummen. Formulieren Sie zu Ihrem Thema drei Meinungen, denen man widersprechen kann. Und erst dann lassen Sie die Maschine daraus Formate bauen, so viele Sie wollen.
Und falls Sie gerade feststellen, dass Ihnen weniger die Werkzeuge fehlen als die Klarheit darüber, wofür Sie eigentlich stehen: Damit sind Sie in bester Gesellschaft, das ist bei fast allen der eigentliche Engpass. Welche Geschichte aus Ihrem Werdegang erzählen Sie bisher nicht, obwohl sie Ihre Positionierung auf den Punkt bringen würde? Schreiben Sie mir gern, die Adresse finden Sie hier auf der Seite. Ich antworte selbst.


